Reptiphon wurde 1999 von Marco Vanselow und mir gegründet. Der Erinnerung nach wohl in
einer Kneipe in Hamburg nach dem Besuch einer unbekannten, charmanten Indie-Pop-Band,
deren Name schon wieder vergessen ist. So was müsste man doch auf CD haben, überlegten
wir, zumal ich selbst mit eigenen Songs eher im Liedermacher-Segment experimentierte
und ein gemeinsamer Freund von uns, der in die Niederlande ausgewanderte Bernd Jaunich,
Aufnahmen mit seiner Band Käsekuchen machte. Man könnte natürlich bestehende Labels
fragen, ob sie so was wollen. Aber irgendwie war uns schon klar, was das bedeuten würde:
Hoffnungsvolle Briefe, keine Antworten, Frustration. Das wollten wir uns nicht antun.
Also beschlossen wir, es einfach selbst zu machen. Ein eigenes Label, auf dem nur
Musik erscheint, die wir toll finden. Die einer von uns toll findet und der andere
akzeptabel. Mit der Überheblichkeit von Endzwanzigern gingen wir fest davon aus,
dass der Rest der Welt das schon auch toll finden würde, denn schließlich waren wir
von unserer Geschmackssicherheit überzeugt.
Das sind wir heute wohl auch noch. Nur den Glauben, dass ein größeres Publikum das teilen könnte,
haben wir längst begraben. Marco nicht nur das – nachdem er sich einige
Jahre ernsthaft darum bemüht hatte, das Label so aufzubauen, dass zumindest er
zumindest minimal davon leben könnte, gab er Ende 2007 entnervt auf. In der
Zwischenzeit hatten wir eine ganz stolze Zahl von Veröffentlichungen herausgebracht,
unterschiedlichster Art, dazu ein eigenes Sublabel, popappeal. All das einte aber
Eines: die weitgehende kommerzielle Erfolglosigkeit. Stilistisch schön, aber als
Existenzgrundlage problematisch. Und obwohl wir mit Glück von Manfred Maurenbrecher
wohl das erste Mal eine Platte herausbrachten, die sich tatsächlich einigermaßen
gut verkaufen sollte, war die Idee des jemand ernährenden Labels am Ende.
Da ich mich schon seit geraumer Zeit nicht mehr um die Belange des Geschäfts gekümmert
und auch gar keine Zeit dafür hatte, da ich mich mit einem bunten Strauß anderer
Tätigkeiten reichlich beschäftigte, war eigentlich klar, dass Reptiphon nur noch ein
Fall für die Abwicklung sein könnte.
Es kam dann doch anders. Warum, weiß ich eigentlich auch nicht genau. Unterm Strich
hing ich wohl einfach zu sehr daran. Außerdem fiel es mir immer schon schwer, irgendwann
Schluss zu machen. Nach Hause zu gehen. Den Deckel zuzuklappen. Und Manfred wollte
weitermachen. Und Roger wollte weitermachen. Und Jan wollte neu anfangen. Und Sebastian
wollte zurückkommen.
Und hier sind wir. Ein Graswurzelprojekt. Künstler machen ihr eigenes Label. Jeder
kümmert sich. Geld muss keines groß verdient werden für das Label, das kommt aus anderen
Quellen. Und plötzlich funktioniert alles irgendwie. Zu schade, einfach Schluss zu machen.
Zu schade, die Kleinode in die Kisten zu packen oder in die großen Sortimente der großen
Sortimentanbieter. So lange die, die die CDs machen, sie auf Reptiphon machen wollen,
wird es also wohl weitergehen.
Inzwischen mit 30 Veröffentlichungen. In 12 Jahren. Mal gucken, wo das noch hinführt.
Meinetwegen kann es einfach so bleiben. Und wir freuen uns schon auf Nummer 31.
Heiko Werning, März 2011









